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TITANE © Carole Bethue

Das abgefahrenste Kinoerlebnis des Jahres: TITANE (2021)

In der letzten Woche stand für mich der diesjährige Gewinnerfilm der Goldenen Palme in Cannes auf dem Plan: TITANE. Die französische Regisseurin Julia Ducournau hat mit ihrem Debütfilm RAW vor einigen Jahren Aufsehen erregt und meine Vorfreude war entsprechend groß. In Titane erzählt sie im Kern von sehr menschlichen Themen. Identität, Familienzugehörigkeit, Traumata und Liebe stehen da im Vordergrund der Protagonisten Alexia. Angereichert und präsentiert werden diese mit Body-Horror-Elementen, die sie schon in Raw gekonnt einsetzte und mir an die Substanz gingen. Es gab genug Szenen, die unangenehm waren, aber dennoch wollten meine Augen nicht von diesen faszinierenden Bildern ablassen. So erging es auch Besuchenden bei einigen Premieren, wo Menschen übel wurde oder in Ohnmacht fielen. Kein einfacher Film, der aber provokant sämtliche Gehirnareale fordert und sich in euer Gehirn brennt.

Was erwartet einen in TITANE?

Die ungeliebte Alexia hatte als kleines Mädchen einen Autounfall, woraufhin sie eine Titan-Platte in den Kopf implantiert bekommt. Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus merken wir, hier ist etwas anders. Sie würdigt ihren Eltern keines Blickes, sondern umarmt direkt das Unfallauto. Danach lernen wir sie Jahre später als erotische Tänzerin auf einer Autoshow kennen, bevor sie anfängt Leuten ihre Haarnadel ins Ohr oder andere Körperöffnungen zu stechen und sich auf ihrer Flucht als vermisster Junge ausgibt. Klingt abgefahren, ist es auch und es passieren noch deutlich skurrilere Dinge.

Auch die Brutalität (es gibt zum Beispiel eine Szene in der sie sich ihre Nase zurecht bricht) ist sehr ehrlich inszeniert. Während des Films wird die Handlung dann nicht mehr so stringent erzählt, entwickelt sich aber in eine irgendwie spannende Richtung. Mehr sollte man über den Film inhaltlich auch eigentlich nicht wissen, wenn man sich ihn noch anschauen möchte. Wer dennoch mehr wissen will, bekommt unten in "Weitere Empfehlungen" mehr zu lesen.

TITANE Trailer German Deutsch (2021)

Nach dem Schauen war ich erst einmal ein wenig erschlagen. Bilder und Momente stehen metaphorisch für die Themen die in TITANE verhandelt werden. Audiovisuell ist der Film ebenfalls schlichtweg umwerfend. Die Farbpallette und ihre Kontraste bekommen wir gleich in der Eröffnungsszene präsentiert. Das sieht alles so gut aus, wie dort mit Farben, Lichtspielen und Reflektionen gearbeitet wird. Auch das oft derbe Sounddesign schwingt in jeder Szene mit.

Sex, Autos, Morde

Vor allem die Eröffnungsszene nach dem Filmtitel wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Unterlegt wurde diese mit "Doing It To Death" von The Kills, der im Kinosaal nochmal mehr ins Ohr drückte als ohnehin schon. Es folgte ein Tracking Shot während einer Autoshow, der einen sofort in den Film hineinzog. Die agile Kamerafahrt während der Tanzszene (die später im Film noch einmal wichtig wird) und das Schauspiel von Agathe Rousselle taten ihr übriges. Erst nach dem Film habe ich erfahren, dass es für Agathe die erste Filmrolle war, was rückblickend betrachtet echt verrückt ist.

TITANE (2021) - Car Dance Scene

Auch später werden Szenen noch einmal sehr eindrucksvoll mit ausgewählten Musikstücken unterlegt. Diese laute, und bestimmt-ekstatische Stimmung heraufzubeschwören ist Regisseurin Julia Doucournau auch schon in RAW gelungen. Aber es wird nicht nur zugehauen, denn es gibt auch genug Szenen, die sinnliche Schönheit hervorzurufen und auch emotional unter die Haut gehen. Und manchmal wird es fast unfreiwillig komisch.

Ich bin superglücklich den Film doch noch im Kino gesehen zu haben, da man solche Filmperlen oft nur in ausgewählten Kinos zu sehen bekommt. Auch beweist Doucournau mit Titane warum sie eine der spannendsten französischen Regisseurinnen zur Zeit ist.

TITANE ist Kino

TITANE ist ein bizarrer Film, der nicht alle Geschmäcker bedienen wird. Da ist der Film viel zu weit weg vom Popcorn-Kino, dessen Besuchende den Film vielleicht nach 10 Minuten ausgemacht hätten. Auch die Brutalität könnte für manch Zuschauende zu viel sein.

TITANE wollt ihr schauen, wenn ihr Lust auf eine Herausforderungen habt. Ein Film bei dem ihr euch viele Gedanken machen und gleichzeitig verarbeiten müsst. Er stellt viele Fragen gibt aber nur wage Antworten.

TITANE ist für mich aufregendes Kino, abseits der Norm, das meine Sehgewohnheiten auf die Probe stellt und erweitert. Ein Film der mir zeigt, was im Kino möglich ist. Für mich das abgefahrenste Kinoerlebnis des Jahres.

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Veröffentlicht inFilme & SerienPopkultur

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