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Licorice Pizza © Universal Pictures

Kino zum Verlieben: Licorice Pizza (2021)

Wenn der Name Paul Thomas Anderson fällt, werden Filmliebhabende schnell hellhörig. Auf Meisterwerke wie Magnolia oder There Will be Blood folgt jetzt sein neuester Streich: Licorice Pizza. Für die Coming-of-Age-Story begibt sich PTA ins San Fernando Valley der 1970er und schickt seine beiden Protagonist:innen, den 15-Jährigen Gary Valentine und die 25-Jährige Alana Kane, auf eine Reise, die ihre ungewöhnliche Anziehung auslotet. Dabei wirkt Licorice Pizza wie ein stetig fließender Fluss. Die beiden Figuren gleiten förmlich durch skurrile Situationen, vorbei an außergewöhnlichen Momenten. Wo es mir sonst schon schwerfällt die passenden Worte zu finden, ist es hier noch einmal doppelt schwierig. Der Film atmet durch seine Atmosphäre und die tollen Figuren. So einen Vibe bekomme ich in Filmen nur ganz selten zu spüren. Alle die sich darauf einlassen können, wird Licorice Pizza total begeistern.

Im letzten Jahr habe ich mir zum ersten Mal die komplette Filmografie von Paul Thomas Anderson innerhalb weniger Tage zu Gemüte geführt. Mein erster Film von ihm war Der seidende Faden, der mich irgendwie fasziniert hat, ich ihn aber gleichzeitig nicht ganz greifen konnte. The Master fand ich insgesamt am schwierigsten, Boogie Nights ging am leichtesten rein. Dafür schaffte es Magnolia direkt in meine Top 10 aller Zeiten. Für mich ist der Film ein Geniestreich sondergleichen. So war Licorice Pizza für mich ein Pflichttermin im Kino.

San Fernando Valley, 1973

Der 15-Jährige Schüler Gary Valentine trifft bei einem Fototermin auf die 25-Jährige Fotoassistentin Alana Kane. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick und er ist überzeugt davon sie in Zukunft zu heiraten. Alana ist zunächst gar nicht angetan von dem selbstbewussten Jüngling, der aber anders scheint als andere Jungs in seinem Alter. Gary führt in seinen jungen Jahren schon ein Unternehmen, er ist Schauspieler und denkt ihm gehöre die Welt. Alana hingegen hat noch keinen Stand im Leben gefunden, hangelt sich von Job zu Job, möchte ausbrechen und Normen sowie Erwartungen hinter sich lassen. Die typischen Probleme beim Erwachsenwerden.

Best depiction of the transition between "I can do anything, I have my whole life ahead of me!" and "I’ve wasted my life, I can’t do anything!" – ie, being 15 and being 25 – that I’ve ever seen.

David Weigel

Wachsendes Interesse

Nach und nach genießt sie sein Begehren und es entspinnt sich ein gegenseitiges An- und Abstoßen der beiden. Wo viele andere Filme sich an Handlung und Exposition abarbeiten, erzählt PTA seine Geschichten anhand der Figuren. Allein diese Andersartigkeit macht den Film schon besonders. Dabei sollte man alles gar nicht so sehr hinterfragen, sondern einfach die Augenblicke genießen. Man weißt zum Beispiel nicht, ob nun drei Jahre oder nur wenige Monate im Film vergehen. Braucht es auch nicht, da wir dem Film eh alles glauben und das Gefühl für Zeit einfach verloren geht.

LICORICE PIZZA | Official Trailer | MGM Studios

Dabei gelingt es PTA auf leichteste Art Momente zu kreieren und einzufangen, die fast wie nebenbei gefilmt wirken. Es ist schon die Virtuosität der Eröffnungsszene mit der gleitenden Kamera, die zwischen Alana und Gary hin und her tänzelt und uns direkt in diese Beziehung hineinwirft. Neben Regieführung, schrieb PTA auch das Drehbuch, produzierte den Film mit und war wieder einmal mit als Kameramann tätig.

Gedreht wurde der Film auf 35mm Analogfilm. Zusammen mit der 70mm Projektion im Savoy in Hamburg (keine Werbung, einfach ein tolles Kino) hatte man auch direkt das Gefühl in den 1970ern verloren gegangen zu sein und sich in dieser Zeit einen Film anzuschauen. Die immer passende Musikauswahl funktionierte hervorragend, um den Nostalgiefaktor weiter aufzubauen und viele Szenen durch die Musik nochmal in neue Höhen zu treiben. Als Alana am Anfang aber von ihrem Arbeitgeber einen Klaps auf den Po bekommt, wird klar, dass die Zeit nicht immer so rosig war, wie wir sie in Erinnerung halten. Das wird auch an weiteren Stellen im Film aufgegriffen.

Zwei Filmdebütierende

Cooper Hoffmann, Sohn des leider viel zu früh von uns gegangenen Philip Seymour Hoffman, hat hier seine erste Filmrolle, ebenso wie Musikerin Alana Haim. Ihr kennt sie vielleicht als Teil des Schwestern-Musik-Trios HAIM (hier reinhören: "Want You Back"; Regisseur PTA hat mehrere ihrer Musikvideos inszeniert). Auch sie gibt in Licorice Pizza ihr Filmdebüt. Beide entsprechen nicht dem typischen Hollywood-Ideal, sondern wirken eher wie die zwei aus der Nachbarschaft. Das macht es aber umso glaubwürdiger und mehr aus dem Leben gegriffen. Zudem spielen beide ihre Rollen mehr als überzeugend. Cooper Hoffmann hat natürlich riesige Fußstapfen zu füllen, das traue ich ihm nach der Performance aber zu.

Der Name Licorice Pizza entstammt einer ehemaligen Kette von Plattenläden in Los Angeles.

Auch gestandene Hollywood-Größen sind in Nebenrollen zu sehen. Bradley Cooper imitiert den exzentrischen Jon Peters, den damaligen frischen Liebhaber von Barbara Streisand. Wann immer er auf der Leinwand zu sehen war, kam man aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus (Oscar-Nominierung wo?). Sean Penn und Tom Waits, deren Figuren auf großen Namen im Filmbusiness basieren, lassen das alte Hollywood mit einem Motorradstunt wieder aufleben. Und Benny Safdie spielt als Politiker eine kleine Rolle.

Auch die Eltern und die Schwestern von Familie Haim kommen im Film vor und spielen passenderweise die Familie von Alanas Figur. Und da kommen wir nochmal zum Star des Films: Alana Haim. Ihr Schauspiel ist so elektrisierend-furchtlos, dass sie sich auch nicht hinter den Hollywood-Größen verstecken muss. Sie strahlt so viel Sympathie und Energie aus, dass es wirklich Spaß machte ihr zuzuschauen. Auch gehört ihr mit die beste Sequenz im Film, in der sie einen Möbeltransporter steuert, der ohne Benzin rückwärts die Straßen herunterrollt. Das ist spannender inszeniert als in diversen Actionfilmen. Ich bin super gespannt, ob und wie es mit ihrer Schauspielerinnen-Karriere weitergeht.

LICORICE PIZZA Trailer German Deutsch (2022)

Kino zum Verlieben

Zufriedener werde ich mit dem Text leider nicht mehr und es sind wieder viel zu viele Worte dafür draufgegangen. Ich würde den Film auch am liebsten direkt ein weiteres Mal sehen. Licorice Pizza ist ein Gefühl, das man selber erlebt haben muss und entweder packt es dich oder es lässt dich kalt. Mich hat er von der Eröffnungsszene, über all die Momente bis zum Schluss total mitgerissen und bekommt bei mir jetzt schon einen Platz in den Top 5 für dieses Jahr. Die Coming-of-Age Story mit der Liebelei der beiden ist herzallerliebst inszeniert, Alana Haim verkörpert dieses nervöse, leicht flippig-genervte in der unsicheren Zeit des Erwachsenwerdens in Perfektion und dieses Abtauchen in die 1970er macht einfach Lust in dieses Jahrzehnt zurückzureisen. Das alles aus den Händen von einem Mann, der sein Handwerk einfach versteht. Kino zum Verlieben.

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Veröffentlicht inFilme & SerienPopkultur

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