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Deichbrand 2023: Das große Festival auf dem matschigen Acker

Deichbrand, das Festival in meiner Heimat ist nun zum 18. Mal über die Bühne(n) gegangen. Für mich war es der mittlerweile 13. Besuch, krass wie schnell die Zeit doch vergeht. Das Lineup war für mich obenrum persönlich nur ok, weiter unten waren aber diverse Acts zu finden, die ich mir gerne angeschaut habe. Kurz vor Beginn meldete das Festival den Ausverkauf der Wochenendtickets, dementsprechend pilgerten 60.000 Freaks & Folks, Fans & Friends in Richtung Cuxhaven nach Wanhöden auf den Acker zwischen Bundeswehr-Gelände, Autobahn und Seeflughafen.

Donnerstag: Eigentlich alles wie immer

Wie die letzten Male sind wir bequem mit dem Fahrrad zum Gelände gereist und haben nachts Zuhause in warmen Betten verbracht. Unser Weg zum Gelände führte uns über den Womo South und es ist jedes Mal faszinierend und erschreckend zugleich, was die Menschen mit zum Gelände bringen und dalassen (dazu später mehr). Vorbei am riesigen Aldi, dem XXL-Pool (dessen Wasser scheinbar angenehm warm war) und der neuen Newport-Bühne für Newcomer:innen (die für uns etwas unterging), fanden wir uns in den Talking Trees wieder. Ein kleines Waldstück wurde mit einem Pfad, ein paar wenigen Hängematten, Sitzmöglichkeiten und Lichtern ausgestattet und lud zum Verweilen ein. Das Awareness-Team hatte hier in einem Tipi seinen Platz. An Nebenaktivitäten mangelt es dem Deichbrand sicher nicht und es wird sich jedes Jahr eine neue Kleinigkeit ausgedacht.

Das Hauptgelände hat sich etabliert und es gab kaum Neuerungen zum letzten Jahr. Ein paar mehr Sponsoren-Stände haben wir wahrgenommen, Rossmann hatte einen größeren "Shower"-Stand und das Palastzelt bleibt weiter bei der 4-Masten-Größe. Die Electric Island ist leider noch immer am selben Ort und ist in ruhigen Momenten an den anderen Bühnen deutlich hörbar. Mit dem Wind aus Süden war es diesmal nicht ganz so schlimm.

Bands hatten wir am Donnerstag ebenfalls zu sehen. Im Zelt ging es klassischerweise etwas lauter zu. Hot Milk ("Glass Spiders") eröffneten dort das Festival. Pop-Rock/Punk aus Manchester, sehr energieladen und spaßig. Das feiernde Publikum war schon sehr tanzwütig und es bildeten sich immer wieder Moshpits. Our Mirage ("Eclipse") danach schalteten noch einen Gang höher.

Später ging es für uns noch einmal zum Zelt, wo es scheinbar eine neue Einlasspolitik gibt, die wir noch ein paar Male erlebt haben. Die Schlange war recht lang und wir fürchteten gar nicht mehr reinzukommen. Einige standen erst in dieser und sind doch weitergezogen. Erst 15 Minuten vor Beginn des nächsten Acts wurden Leute reingelassen, dabei war die ganze linke Seite des Zeltes leer und durch den schmalen Durchgang von einem Getränkestand und des FOH wirkte es vielleicht so, als sei es total voll. Bisschen ärgerlich und definitiv verbesserungswürdig. Eine weitere Band aus dem Vereinigten Königreich folgte: You Me At Six ("heartLESS"). Ich mochte den Vibe und Frontmann Josh Franceschi war gut gelaunt und wirkte nie drüber, wie es bei manchen britischen Bands gerne mal ist.

Freitag: Technikprobleme, ausgerechnet heute

Ausgeschlafen mit Frühstück im Bauch ging es in Richtung Festivalgelände. Der Einlass aufs Infield ist zu Stoßzeiten sicher zu klein, wir kamen aber gut durch. Nur die Kontrollen waren sehr willkürlich. Mal wurden wir durchgewunken, mal wurde sich das Bändchen und mal die Innentasche des Portemonnaies ganz genau angeguckt. Bei unserer Ankunft fingen gerade The Subways ("Rock & Roll Queen" ist einfach 17 Jahre alt!) an. Für uns ist das eine Festivalband, die einfach immer geht und man kennt doch so einige Songs von ihnen.

Esther Graf ("exes") war unser nächster Programmpunkt. Vor allem die kleine Tanzchoreo zu "Letzte Mail" war mal etwas erfrischend Neues und wird sicher in Erinnerung bleiben. Eine dicke Regenfront lies für uns Jeremias ausfallen und wir blieben stattdessen weiter im Zelt und warteten auf Blond ("Du und Ich"). Nina, Lotta und Johann spielten eine schön gestaltete Show und hier wurde ebenfalls mit dem Publikum versucht eine Choreo durchzuführen. Den Song "Männer" auf so einem Festival zu spielen ist sicher immer ein Erlebnis.

Die größten Pechvögel des Wochenendes waren wohl Tokio Hotel ("White Lies"). Die Buchung war schon bei der Ankündigung kontrovers in den Kommentarspalten diskutiert worden. Es war ihr allererstes Festival überhaupt in Deutschland und dann versagt nach sechs Songs die komplette Technik. Über 20 Minuten vergingen, bis sie ziemlich geknickt auf die Bühne kamen und mit einer Akustik-Gitarre, Schlagzeug und Bass erst "Fahr mit mir (4×4)" anstimmten und ihren größten Hit "Durch den Monsun" zum Besten gaben. Es tat ihnen wirklich total leid, dass sie nicht das komplette Set spielen konnten, wo sie doch tagelang durchgeprobt haben. Die Hater fühlten sich natürlich bestätigt. In einem Statement seitens Deichbrand gab es allerdings das Versprechen die Band in Zukunft noch einmal einzuladen.

Die Headliner des Abends hießen Deichkind ("In der Natur"), die wieder einmal eine fantastische Show ablieferten. Habt ihr eine Deichkind-Show gesehen, kennt ihr alle, allerdings gibt es zu den neuen Songs immer kleine Einfälle und Choreos, die einfach Spaß machen. Ich würde mir zwar Songs wie "Luftbahn" oder "Der Mond" wünschen, aber auch die neuen Sachen kicken live gut rein.

Samstag: Mit Gummistiefeln und Regenklamotten bewaffnet

Yaenniver ("Halb so ich") aka. Jennifer Weist, Frontfrau der Band Jennifer Rostock, ganz in pink gekleidet, war unser Auftakt am Samstag. Sie teilte ordentlich aus und sprach viele wichtige Dinge (sexualisierte Gewalt, weibliche Acts auf den Hauptbühnen, unterschiedliche Wahrnehmung obszöner Texte von Musik:innen anhand des Geschlechts) an. Live sind die Songs nochmal druckvoller arrangiert, was sehr gut passt. Ein zweites Soloalbum ist wohl in Arbeit und bei Jennifer Rostock scheint auch wieder etwas zu passieren.

Deichbrand 2023 Line-Up (links) – Deichbrand 2023 Line-Up mit FLINTA*-fronted Acts (rechts)

Auf den beiden Hauptbühnen waren am gesamten Wochenende nur 4 weibliche (Haupt-)Stimmen bei 34 Acts zu hören. Immerhin waren diese auf der Newport-Bühne in der Überzahl und bei der Electronic Selection war man bei fast 50/50. Insgesamt ausbaufähig.

Der selbsternannte Bruce Springsteen from Lower Saxony Thees Uhlmann ("Fünf Jahre Nicht Gesungen") mit seiner Band hat den Anfahrtsweg von 33 Kilometern aus Hemmor gut überstanden. Für ihn ein Heimspiel und er hat laut eigener Aussage viele bekannte Gesichter im Publikum gesehen. Zwischendurch erzählte er kleine Geschichten über seine allererste Band und einen Proberaum, das Mädchen von Kasse 2, Avicii und dass es keine Schande ist sich Hilfe zu suchen. Er ließ seine anwesende Mutter beklatschen und wir sollen alle mehr Bücher lesen. Dazu kamen dann alle seine Hits, was eine sympathische Show ergab.

Bruckner ("Für Immer Hier") habe ich danach kurz im Zelt mitgenommen. Indie-Deutschpop mit leichtem Genre-Mix auch in Richtung Disco. Hat man mal irgendwie gehört und dennoch hatte das seinen eigenen Touch. Leoniden ("L.O.V.E.") waren natürlich Pflichtprogramm. Jedes Mal wieder ein spaßiger Abriss. Es gibt hier auf dem Blog zwei Berichte zu Konzerten von ihnen, lest gerne da mal rein.

Durch das kleine Gelände und die kurzen Wege zwischen den abwechselnd bespielten Hauptbühnen verweilt man mal bei Bands, die ich mir wohl nicht angeschaut hätte. Electric Callboy ("Hypa Hypa") haben in den letzten Jahren einen steilen Aufstieg erlebt und der Platz war gut gefüllt. Diese Eurodance-Metalcore-Richtung auf ihrem aktuellen Album funktioniert offensichtlich, ist aber nicht ganz meins. Auf dem Weg zum Zelt kamen wir noch an der Electric Island vorbei. Für Fritz Kalkbrenner war die Bühne natürlich viel zu klein und so war der Auftritt nicht für uns so sehr zu genießen.

Also lieber ins Trockene zu Alice Merton. Mit ihren Ansagen wechselte sie immer zwischen Deutsch und Englisch, hielt sich mit ihnen aber gar nicht lange auf, sondern spielte lieber viele Songs. Neben der aktuellen Single ("Charlie Brown") durfte auch "No Roots" nicht fehlen und zum Abschluss gab es noch "Why So Serious" zu hören. Lieben wir. Sie war viel am rumspringen, animierte das Publikum, hatte offensichtlich Spaß und würde gerne wieder gebucht werden (bitte ja!). Der Wettergott meinte es mit dem Festival in diesem Jahr gar nicht gut. Nachdem sich das Gelände bis dahin ganz gut gehalten hatte, war es von da an matschig und der Weg zu den Toiletten war nicht mehr ganz so leicht zu bewerkstelligen. Diese waren zu der Uhrzeit und der Fülle des Geländes leider heillos überfüllt und die Wartezeit betrug eine gefühlte Ewigkeit.

Alice Merton - Vertigo (Frankfurt Radio Symphony Orchestra)

Ein weiteres Highlight wartete für uns am Ende des Festivaltages. Während draußen auf der Hauptbühne K.I.Z tobten, spielte Paula Hartmann ("Veuve") im Palastzelt. Das Bühnenbild deutete die Dächer Berlins, mit einem rauchenden Schornstein als DJ-Pult, an. Im dunklen Zelt mit dem spärlichen Licht hatte das was und so wirkten ihren klugen Texte und fließender Flow nochmal besser. Am Ende folgte eine tiefberührende und ehrliche Botschaft. Ihr ging es in diesem Jahr sehr schlecht und war sich sicher, den Festivalsommer nicht mehr zu erleben. Es hat ihr eine Person dabei geholfen Hilfe zu suchen und hat an alle appelliert, dies ebenso zu tun und in seinem nahen Umfeld nach Unterstützung zu suchen. Zu "Truman Show Boot" stellte sich nach der Geschichte bei mir eine extreme Gänsehaut ein. Ich bin wirklich glücklich darüber, das miterlebt zu haben.

Sonntag: Vollgas durch den Matsch

Es hatte die ganze Nacht, bis zum Sonntag Nachmittag, durchgeregnet. Dementsprechend verwandelt präsentierte sich das Gelände. Die halbwegs grünen Graswege wichen riesigen Matschpfützen. Trecker waren unermüdlich im Einsatz, um die Fahrzeuge aus dem Schlamm zu ziehen, denn es machten sich viele Besuchende auf den Weg nach Hause. So war es zum Teil recht leer vor den Bühnen. Ein weiteres meiner Highlights des Festivals lies sich davon nicht unterkriegen und freute sich sehr beim Deichbrand spielen zu dürfen. Freya Ridings ("Blood Orange") begeisterte mich mit ihrer einzigartigen Stimme, ihrem ansteckenden Lächeln und herzlich-süßen Art. Ihre melancholische Pop-Folk-Musik ist ja sowieso genau meins. Neben einem weiteren Song spielte sie "Lost Without You" solo am Piano. Das ging mir wirklich tief durchs Herz. Wunder-wunderschön.

Ebenso berührend weiter ging es bei Madeline Juno ("Lovesong"), die seit ein paar Jahren mit ihren deutschen Texten verzückt, die neben dem Thema Trennung auch Mental Health in den Vordergrund rücken. "Sommer, Sonne, Depression" als Intro war ein sehr gelungener Auftakt. Ich liebe das Lied einfach, denn es kann sich so wahr anfühlen. Aus ihrem 2024 kommenden Album Nur zu Besuch gab es u. a. "Murphy’s Law" zu hören. Hoffentlich bleibt sie uns mit ihrem Singer-Songwriter-Talent noch viele Jahre musikalisch erhalten.

Madeline Juno – 99 Probleme (live bei TV Noir)

Von Wegen Lisbeth ("Wenn Du tanzt") spielten tatsächlich die Sonne herbei und zeigten sich solide wie immer; viel Gejamme und am Ende der Block mit den Hits. Jan Delay haben wir aus der Ferne gehört und gönnten uns einen Käsedöner. Die Beatsteaks ("Hand in Hand") aus Berlin waren wie immer ziemlich on fire. Ein Bänderriss konnte Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß nicht aufhalten und ich habe seinen Arzt förmlich aufstöhnen hören. Zum ersten Song saß er noch mit seiner Gitarre auf einem Barhocker, danach war er auf der Bühne immer unterwegs und kuschelte viel mit dem Publikum. Live immer ein Erlebnis und ich denke gerne an das hitzige Konzerte in Kiel vor ein paar Jahren zurück.

Als letzter Act auf den Hauptbühnen stand schließlich Rapper Marteria. Shows machen kann er, aber reinen Gewissens kann ich diese nicht mehr genießen. Falls ihr nicht wisst, was passiert ist, findet ihr hier Beiträge dazu (kurzzeitiger Arrest, Verfahren eingestellt, Statement Marteria (auf seinem Instagram-Account gelöscht)). Lesenswert ist vor allem der Meinungsbeitrag vom Pickymagazine von Sofia. Ich würde so gerne eine Statement der beteiligten Frau lesen, ihr Instagram-Profil ist nur seitdem komplett leer.

Der Rückweg durch die Matschwiesen war abenteuerlich und wir kamen wieder durch das Womo-Gelände. Es ist Wahnsinn, was für Müllinseln einige Camps jedes Mal hinterlassen. Teilweise war immerhin alles in Mülltüten zusammengestellt, andere haben bspw. Pavillons mitsamt Zelt, Tisch, Schreibtischstühlen, alten Sofas und ihrem verteilten Müll liegen lassen.

Deichbrand 2023: Am Montag bleibt der Müll zurück

Ein kleiner Servicetipp: Bei o2 gab es in diesem Jahr wieder einen Livestream und viele Highlights finden sich nun in deren Mediathek.

Und 2024?

Natürlich wird es im nächsten Jahr wieder ein Ausgabe des Deichbrand Festivals geben. Ein paar Euro mehr müssen allerdings in die Hand genommen werden. Die Frühanreise kostet nun 20€ anstatt 10€, Wildcards wurden 10€ teurer, normale Womo-Plaketten sogar 20€. Eine weitere Kostensteigerung ergibt sich, dass nun ein Parking-Ticket für 20€ pro Auto benötigt wird. Die Tickets für 2024 (18.07. – 21.07.) gingen am Montag nach dem Festival um 18 Uhr in den Verkauf. Die Wildcards (179€ ohne Frühanreise) waren in rekordmäßigen 90 Minuten ausverkauft. Momentan sind die Early-Bird Tickets für 189€ bzw. 209€ verfügbar. Bei der Bestellung bekommt ihr jetzt noch ein T-Shirt "gratis" dazu. Eine Wettergarantie kann nicht dazu gebucht werden, aber ein bisschen Regen gehört zum Deichbrand Festival irgendwie dazu.

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Veröffentlicht inFestivalsMusik

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