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Casper © Chris Schwarz

Casper – Alles war schön und nichts tat weh

am 25.02.2022 über Eklat Tonträger / Sony veröffentlicht

Der Tag, an dem ein neues Musikalbum von Casper erscheint, ist für mich immer eine Art Feiertag. Es gibt kaum Künstler:innen, die es schaffen mich besser aus einem Loch zu holen, wie der Indie-Rapper aus Bielefeld. Alles war schön und nichts tat weh, entliehen aus dem Buch Slaughterhouse-Five von Kurt Vonnegut, heißt sein neuestes Werk. 12 Stücke verteilt auf knapp 45 Minuten. Wieder einmal tut es weh, er spricht allerlei ernste Themen aus seinem Leben an und lässt Dich bittere Tränen vergießen. Kein einfaches Album in der momentanen Zeit, aber ich finde es macht genauso Spaß und ist lebensbejahend. Seine Biografie spielt wieder eine wichtige Rolle, diesmal noch privater und auf direktere Weise. Seine musikalischen Vorbilder für die Platten waren u. a. Nick Cave, Flaming Lips, Bon Iver, Grateful Dead und daran könntet ihr schon ungefähr erahnen, wohin die Reise geht. Durch die diverse Instrumentierung wirkt die Platte direkt bunter, ein Stück weit 'lebendiger'.

Ich habe momentan selber mal wieder eine schwierige Phase, da kommt so ein Album zur genau richtigen Zeit. Mich hat das alles schon wieder so sehr gepackt und ich bin regelrecht verliebt. Ihr bekommt hier den XOXO-Casper, den Hinterland-Casper, den LLDT-Casper, den Pop-Casper, den Rap-Casper, ja sogar den Gesangs-Casper und vor allem den Text-Casper, alles auf einem Album. Seine vielleicht beste Platte bisher.

So viel Casper-Content

Für den Album-Rollout habe ich mir Zeit genommen und im Vorfeld möglichst alles an Interviews, Podcasts und sonstigen Beiträgen in mir aufgesogen. Natürlich drehten sich die Themen viel um seine neue Musik und seinen Werdegang, aber es wurde bei Niko Backspin auch auf ein mögliches Aufhören eingegangen. Bielefelder Stadion? Ich wäre dabei. Spannend ist das Gespräch mit Pinar Atalay für Diffus, in dem Geschichten aus der gemeinsamen Heimat im Extertal ausgetauscht werden. Das Interview mit Miriam Davoudvandi (für den "Danke, Gut." Podcast), welches Mental Health (u. a. Depression, Ängste, Imposter-Syndrom) im Kern thematisiert, finde ich richtig und wichtig. Bei solchen Themen war er in seinen Songs sowieso schon immer ein Vorreiter.

Was all diese Gespräche gemein hatten, war die Tatsache, dass Casper auf mich irgendwie befreiter, glücklicher wirkte. Er sagte in einem Interview sogar, dass er Spaß hatte diese Platte zu machen. Während der Lang Lebe der Tod Zeit hatte ich aufgrund der Düsternis manchmal etwas Angst um ihn. Er hatte während der Pandemie aber viel Zeit zum Reflektieren und diese neue Unbeschwertheit, wenn man es denn so nennen kann, tut ihm gut. Ich weiß nicht, ob sich das auch auf die Wahl seiner Kollaborationspartner:innen ausgewirkt hat, aber davon hat Casper diesmal eine ganze Bandbreite mit eingespannt. Gleich auf fünf Songs sind angegebene Features vertreten, weitere verstecken sich in den Backings Vocals oder sind als Produzent:innen mit angegeben.

CASPER - ALLES WAR SCHÖN UND NICHTS TAT WEH (OFFICIAL VIDEO)

Nach der ersten Single "Alles war schön und nichts tat weh" war ich ja direkt hin und weg. Bei den ersten Malen konnte ich den Song gar nicht anhören, ohne nicht mindestens eine Träne zu verdrücken, weil der Song so eine Empathie ausstrahlt, dass ich mich direkt darin wiederfinden konnte. "TNT (feat. Tua)" brauchte ein paar Anläufe und "Mieses Leben / Wolken (feat. Hayiti)" kommt im Albumkontext direkt viel besser.

Drang zum Perfektionismus

Casper-Platten sind immer privat, aber hier legt er für mich nochmal eine Schippe drauf was Direktheit angeht. "Billie Jo" erzählt von der Familie seiner Cousine und das Präsentierte hat mich echt sprachlos zurückgelassen. Den so auf der Bühne zu bringen, stelle ich mir wahnsinnig schwer vor. Hier gefällt mir musikalisch vor allem der treibende Charakter des Songs. Mit "Zwiebel & Mett" und "Das bisschen Regen" führt er seine "Die Vergessenen"-Reihe von XOXO weiter. Letzterer ist inspiriert von den eindringlichen Erzählungen seiner Mutter, die ihm erzählte, wie es in New Orleans war, als der Hurrikan Katrina die Küste traf und die Stadt zerstörte. Aufgefallen ist mir auch hier wieder der musikalische Aufbau, der ausgehend von einem sanften Piano und einem Kontrabass (dem anfänglichen Regen) immer bedrohlicher wird, bis zu den harten Gitarren (dem Dammbruch), um dann im Outro immer noch beunruhigend wieder auszuklingen.

Um nochmal zurück zu kommen auf die Interviews: Was man auch da wieder gemerkt war, was für ein wandelndes Musiklexikon er doch ist und man kann glaube ich gar nicht greifen, was alles in dem Album steckt. Nehmt euch einen Song, den könnt ihr zerpflücken bis ins Kleinste und würdet immer noch nicht alle Querverweise und auf den Punkt gebrachte Beobachtungen verstehen.

"Die versteckten Anspielungen drin, kriegt keiner mit."

Casper – Lux Lisbon

Hier ist sein Perfektionismus-Drang wieder Fluch und Segen zugleich, der während der Schaffensphase sicher total anstrengend, aber hinten raus umso befriedigender sein muss. Oberflächlich kann man die Songs so genießen, wie sie sind. Wenn man aber will, kann man viel tiefer und tiefer abtauchen. Reizt mich in Filmen, genauso wie in der Musik. Ob es zum Beispiel einen Grund hat, dass auf ausgerechnet den drei Songs ("Alles war schön und nichts tat weh", "Euphoria", "Fabian") am Ende Bienensummen zu hören ist?

Ungewöhnliche Elemente

Mit Max Rieger hat er einen Produzenten gefunden, der Caspers bildliche Art Musik zu machen versteht. Angetan bin ich vor allem von den Details, die gerne mal ungewöhnlich daherkommen und interessant kombiniert sind. "Lass es Rosen für mich regnen (feat. Provinz & Lena)" knallt Dir mit der Stimme von Provinz-Frontmann Vincent eine musikalische Front entgegen, die perfekt ins Stadion passt, nur um in den Strophen doch wieder nach Club zu klingen. "Euphoria (feat. Teute)" fällt so ein bisschen heraus aus dem Album, ist für mich aber sehr spannend und Teute passt für mich ziemlich gut. Bon Iver lässt grüßen. "Gib mir Gefahr" hat diese geilen Synthies in den Strophen und hat bei mir sämtliche Schalter umgelegt und Lebens- und Konzertvermissung aktiviert. "Wo warst Du" fühle ich auch. Der löst irgendwas in mir aus, wo ich nicht klar benennen kann, was es ist.

Der letzte Song auf seinen Alben ist immer der längste und hat alleine deshalb einen besonderen Stellenwert. "Fabian" erzählt von einem engen Freund und seinem Kampf gegen Leukämie und Caspers hadern damit. Auch ich musste direkt an "Michael X" denken, diesmal endet es für den Protagonisten aber positiv (zumindest interpretiere ich es so). Nach einem kleinen Outro kommt noch ein Beatles-Oasis-Moment, den ich mir jetzt schon wunderschön bei den Konzerten vorstelle. Das Gesumme der Bienen schließt am Ende die Klammer zum Eröffnungssong.

Casper ft. RTO Ehrenfeld - "Fabian" | ZDF Magazin Royale

Alles ist schön und nichts tut weh

Casper spielt mittlerweile in seiner eigenen Liga, seinem eigenen Genre, das sich nicht mehr klar benennen lässt und muss sich an niemandem mehr messen. Wo er vorher noch allen gefallen wollte, muss er das gar nicht mehr. Er macht Musik für die Leute, die das sowieso schon lieben. Diesen Luxus zu haben, die Musik machen zu dürfen, die man will, wünsche ich allen Musiker:innen.

"Die Leute glücklich machen, die das eh schon glücklich macht und mich auch, anstatt jetzt noch versuchen den Anschluss zu finden an Playlisten oder Strömungen."

Casper

Für mich vereint diese Platte viele Facetten des Lebens, die durch ein empathisches Prisma betrachtet wurden. Die Lyrics sitzen einfach bei jedem einzelnen Song. Da kann man gar nicht anders als mitzufühlen. Entgegen der allgemeinen Meinung wird Hinterland wohl immer meine Lieblingsplatte von ihm bleiben, einfach weil da so viele Erinnerungen dranhängen. Gäbe es die nicht, wäre Alles war schön und nichts tat weh aber mindestens ebenbürtig. Zumindest jetzt für diesen Moment kann ich sagen: Alles ist schön und nichts tut weh. Ich hoffe Casper kann es auch.

Release-Konzert

Am Vorabend zum Album-Release hat Casper ein Konzert aus einer großen Halle in Berlin gegeben, wo das Album in voller Länge in der exakten Reihenfolge gespielt wurde. Bis auf Hayiti waren sogar alle genannten Feature-Gäste mit dabei. Die elf Songs wurden jeweils mit meist aufwendigen Szenenbildern untermalt, die thematisch passend waren und glatt als Kulisse für Musikvideos hätten dienen können. Das Produktionslevel war sehr hoch und ich finde es erstaunlich, wie sie das alles so an einem Stück ohne für uns sichtbare Komplikationen durchziehen konnten. Eine schöne Überraschung, die das sowieso schon großartige Album nochmal mehr aufwertet. Schaut mal rein, da haben sich alle Beteiligten sehr sehr viel Mühe gegeben.

CASPER - ALLES WAR SCHÖN UND NICHTS TAT WEH - DAS KOMPLETTE ALBUM LIVE AUS BERLIN

Tour 2022 und nächstes Album

In einem Interview mit Aria Nejati hat Casper schon gesagt, dass er den Titel für das nächste Album bereits parat hat und gerne dieses oder nächstes Jahr nachlegen würde. Aber es kommt, wie es kommt und wenn es so gut wird wie dieses, warte ich auch gerne wieder ein paar Jahre.

Die nun hoffentlich im Mai stattfindende Clubtour (fingers crossed) ist bereits restlos ausverkauft. Im Sommer wird er ein paar Festivals besuchen, bevor die Hallentour im Spätherbst ansteht. Wer sich das Album Alles war schön und nichts tat weh, Merchandise oder Tickets für die aktuelle Tour besorgen möchte, kann dies unter casperxo.com tun.

Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du den Artikel teilst oder kommentierst! <3

Veröffentlicht inMusikReviews

2 Comments

  1. Denise

    Man merkt, wie sehr du diesen Künstler kennst und liebst. Der Text ist klasse geschrieben.

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